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IT-Strategie Solothurn: Analyse zeigt erstaunlich wenige technische Probleme
01.11.2010 [Vorstand/rw]

Ist Linux schuld? Das legten Berichte der letzten Wochen nahe. Diese sprechen von einem abrupten Kurswechsel der Solothurner Regierung bei ihrer IT-Strategie weg vom Linux-Desktop. Wilhelm Tux wollte es genauer wissen und hat die Hintergründe analysiert. Das Ergebnis: es geht kaum um Linux oder Windows, sondern um eine nur mässige Projekt­organisation, aufgestauten Ärger, Verzögerungen und um eine unglückliche Mail-Produktewahl. Die anfänglich gute Bemühung der Regierung, die Situation zu analysieren, hat nun aber zu einer wenig überzeugenden Überreaktion geführt.


Ein Hintergrundbericht

Medienreaktionen
Interner Ärger mit dem Amt für Informatik (AIO)
Solothurn liess nach dem nicht ganz freiwilligen Abgang des AIO-Chefs1 einen Expertenbericht erstellen, der die Umsetzung der Informatikstrategie beurteilen sollte. Der Kanton will weder den Bericht herausrücken2, noch Angaben zu den Autoren und den Daten der Benutzerbefragungen machen. Aber auch die zusammenfassenden "Konklusionen und Empfehlungen" lassen tief blicken3: Die Rede ist von "Tabuisierung von einzelnen Problemkreisen", "Widerstand der Dienststellen" oder etwa "Machtkonzentration im AIO". Interne Quellen bestätigen, dass die AIO-Leitung berechtigte Anliegen von Dienststellen zu wenig ernst genommen oder Probleme verkannt habe. Offenbar wurden moderne Methoden des Projektmanagements vernachlässigt, etwa was der Einbezug und die Mitverantwortung der User betrifft. In einer Stellungnahme auf eine Interpellation4 spricht die Regierung von "Fragen und Eingaben [...]" und "Äusserungen von Mitarbeitenden wurden über Jahre elegant übergangen". Der Bericht deckte also vor allem organisatorische Schwierigkeiten auf.

Die Experten betrachten ein Festhalten an der Grundstrategie jedoch weiterhin als sinnvoll, wenn "einige grundsätzliche Änderungen am bisherigen Vorgehen vorgenommen werden".
Gut gemeinte Überreaktion
Gerade hier aber scheint Solothurn zu einer Überreaktion zu neigen. Organisatorische und technische Probleme lassen offenbar übergeordnete Ziele der IT-Strategie vergessen, etwa das "Minimieren der Lieferanten-Abhängigkeit durch offene Systeme und Produkte" oder "80 %- statt 100 %-Lösungen", wie es schon in der Botschaft von 2001 zum Informatik-Globalbudget hiess5. Unsere Nachforschungen bestätigen, dass insbesondere die Groupware/Mail-Lösung Scalix bei den Kantonsangestellten zu Ärger führte. Die Produkte-Wahl wird als unglücklich bezeichnet6.

Mail dürfte nicht nur von Solothurner Staats-Angestellten als kritisches Arbeitsmittel eingestuft werden. Rückblickend hätte das AIO das Problem energischer angehen und lösen sollen. Ein (zu spätes?) Evaluations-Programm wurde aber gestoppt.

Wenn nun im internen Memo des Personalamtes von Outlook 2010 und von "nur noch ein Windows Single-Desktop" die Rede ist7, mag das auf den ersten Blick ziemlich vernünftig und nachvollziehbar erscheinen.

Damit kann aber von "Lieferanten-Unabhängigkeit" keine Rede mehr sein. Und mit der Zunahme der technischen Abhängigkeiten steigen bekanntermassen auch die Kosten. Die vom Kanton immer wieder bestätigten Einsparungen dürften nun durch Mehrkosten (Lizenzen, Umschulung, mehr Personal) mehr als wieder aufgewogen werden.
Überraschend stabiler Desktop
Schwerer wiegt aber, dass das abrupte Umschwenken kurz vor dem Ziel erfolgt und kaum rational begründet werden kann. Dass bei IT-Problemen tendenziell emotional und überreagiert wird, ist nichts Besonderes. Aber ob man die Solothurner Strategie mag oder nicht: Wird der Schwenker tatsächlich vollzogen, könnte das ein Ende einer nachhaltigen, wirtschaftlichen und pragmatischen IT sein, die sich an modernen Grundsätzen orientiert. Denn die Entwickung geht klar in Richtung von integrierten IT-Services, bei denen das eingesetzte Desktop-Betriebssystem ohnehin immer mehr eine untergeordnete Rolle spielt.

Bei unserer Analyse konnten wir zu unserer eigenen Überraschung keine Hinweise finden, die auf Probleme mit dem Desktop bzw. dem Linux-Betriebssystem hindeuteten. Andere Beobachter finden diese Erkenntnis überhaupt nicht überraschend.

Dies bestätigt eine oft gehörte Aussage, nach der die heutigen Desktop-Umgebungen in Sachen Funktionsumfang und Betriebstauglichkeit immer näher zusammenrücken. Was jedoch den Umgang der Benutzer mit dem Desktop beeinflusst, sind oft emotionale Beurteilungen und Präferenzen8.

Hingegen scheint die Übergangslösung für ältere Fachanwendung nur technisch elegant zu sein. Kantonsangestellte schätzen diese offensichtlich nicht. Klar ist: Solothurn hat keine grundlegenden Fehler in der IT-Strategie gemacht und beim eingesetzten Desktop-Betriebssystem lassen sich keine technischen Mängel finden.
Technische Probleme mit Legacy-Programmen
Hingegen wurden die Abhängigkeiten von Legacy-Umsystemen und der nötige Zeitrahmen für deren Integration unseres Erachtens stark unterschätzt. Wir meinen, dass In dieser Einschätzung einige Medienberichte deutlich zu wenig präzis waren.

Unternehmen tun sich gelegentlich selbst bei einem scheinbar einfachen Browser-Update schwer wegen Abhängigkeiten, geschweige denn bei einem Upgrade etwa von Windows XP auf eine neuere Version desselben Betriebssystems.

Noch anspruchsvoller war dies im Falle der Fachapplikationen bei Solothurn: Diese sind oft schon Jahre in Betrieb und geschäftskritisch. Im Falle der gerichtlichen Fachanwendung JURIS hatte die Regierung durchaus eine sinnvolle Dual-Strategie beschlossen9: Zumindest bis der Hersteller eine plattformunabhängige Version anbieten kann, wird weiter mit Windows gearbeitet. Aus ähnlichen Gründen auch bei der KAPO.

Demgegenüber steht für die zweite grosse, zentrale Fachapplikation, mit der die Geschäftskontrolle der Verwaltung erledigt wird, bereits auf Anfang 2011 eine plattformunabhängige (und damit auf Linux lauffähige) Version zur Verfügung. Trotz Verspätung habe sich das "Expertenteam davon überzeugen lassen, dass die Einführungs­termine aus technischer Sicht nicht gefährdet" seien10.
Teurer Spass: Schwenker kurz vor dem Ziel
Nicht nur in der Politik muss gelegentlich deutlich markiert werden, dass man eine verfahrene Situation im Griff hat.

Die Solothurner Regierung hat jedoch aller Kritik zum Trotz vorbildlich an ihrer eigenen IT-Strategie festgehalten. Dies zumindest bis zum Abgang des AIO-Chefs. Das zeigt eine Chronologie, die Wilhelm Tux zusammengestellt hat11. Die Geschäftsprüfungskommission (GPK) kritisierte zwar die Regierung, stärkte ihr aber gleichzeitig den Rücken, indem sie befand12, "das Linux- Projekt ..." werde "... nicht von allen hierarchischen Ebenen der Verwaltung mit der nötigen Konsequenz und Loyalität durch- und umgesetzt".

Dennoch hätte nach unserer Untersuchung ein Schwenker nicht kurz vor Erreichen einer bedeutenden Zieletappe erfolgen dürfen. Eine wichtige Fachanwendung, die Geschäftskontrolle "Ambassador", steht nämlich ab 2011 zur Verfügung. Ein so später und abrupter Strategie-Wechsel wird Solothurn besonders teuer zu stehen kommen. Und das völlig unnötigerweise, wie unsere Beurteilung ergibt.

Vgl. Kasten am Schluss: "Es ginge auch anders".
(Un-)Wissen oder Falschinformationen?
Wie konnte es dazu kommen, dass trotz der recht positiven Strategie-Beurteilung durch die vom Kanton beauftragten Experten dennoch so abrupt davon abgewichen wird? Darüber können wir zwar nur spekulieren. Aber es gibt Anhaltspunkte.

Mediale Negativ-Kampagne einer Zeitung:
Das ehemalige "Solothurner Tagblatt" brachte eine Serie von kritischen Artikeln gegenüber der IT-Strategie. Was legitim wäre. Nur können diese schwer als auch nur annähernd sachlich eingestuft werden. Der wohl peinlichste Beitrag sprach davon, dass "Powerpoint-Präsentationen auf Linux nicht laufen"13. Beinahe hätte sich die Staatsanwaltschaft deswegen blamiert.

Demnach wussten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch der Autor nicht, dass erstens "Powerpoint-Präsentationen" nichts mit einem Betriebssystem (hier: Linux) zu tun haben und dass zweitens das in Solothurn eingesetzte OpenOffice auch damals PowerPoint Dokumentformate gut unterstützte.14 Mindestens im Falle des Kantonsangestellten könnte die Unwissenheit auf mangelhafte Begleitung oder Infovermittlung im Projekt hindeuten.

Auffallend ist, dass die Basis solcher Geschichten nicht aus offiziellen Quellen kam. Sie muss von Insidern gekommen sein. Ein als "schärfster Kritiker" bezeichneter Kantonsrat könnte natürlich solche "Infos" gleich selber genüsslich an Solothurner Medien weiter gegeben haben, was an sich zulässig wäre.15

Politisch:
Es gab 2001 zwar eine erstaunlich eindeutige Zustimmung durch das Parlament16. Von Anfang an wurde erwartungsgemäss auch Kritik von bestimmt nicht wenig einflussreichen Politikern geübt. Sachliche Gründe schienen aber nicht gerade vorzuherrschen. Ein Kantonsrat verstieg sich zur zumindest gewagten Behauptung17, die verbreitete Programmier­sprache Java hätte "viele Nachteile, die Programmierer dazu bewegen, Java nicht zu verwenden." Deshalb würden neue Systeme "selten auf der Basis von Java programmiert".

Gut möglich, dass sich ein solches IT-Projekt geradezu anbot: Es konnte ausser von der Regierung kaum politische Verteidigung erwarten. Es bot sich sogar an, um politischen Gegnern eins auszuwischen. Kritiker wollen manchmal Recht bekommen, koste es, was es wolle.
Es ginge auch anders

Was wäre zu tun?

Wilhelm Tux will nicht nur kritisieren, sondern findet folgende Punkte beachtenswert; sie bewirkten auf Jahre hinaus eine technisch wie wirtschaftlich nachhaltige IT:

1. Zufriedenheit der User:
Fokus auf die Anwender/-innen als Kunden. Das ist zweifelsohne mit jeder IT-Strategie möglich. Anwender müssen Klarheit über die technischen Neuerungen erhalten, und darüber, wie man mit ihnen weiterhin zuverlässig und effizient arbeiten kann. Hier ist eindeutig das AIO in der Pflicht, seine internen Kunden gut zu bedienen.

2. Strategisch konsequente Weichenstellung:
In einer Fussnote schreiben die Experten, dass der Trend in "Richtung vermehrter Weborientierung der Anwendungen" gehe. Daran muss kontinuierlich gearbeitet werden: Neue Lösungen sollen auf ihre Zukunftstauglichkeit überprüft werden. Profi-Usern könnte mit webbasierten Frameworks eine besser zu wartende, zukunftsgerichtete Alternative zu den früher eingesetzten Office-Makros zur Verfügung gestellt werden.
Vorteil: Dadurch wird das eingesetzte Desktop-Betriebssystem je länger je unwichtiger. Die IT wird insgesamt wirtschaftlicher und unabhängiger von einzelnen Produkten. Performance-Verluste verschwinden mit schnelleren (internen/externen) Netzen.

3. Mail:
Wechsel von Scalix zu einem befriedigenderen Produkt.
Vorteil: verhältnismässig kostengünstig und mit akzeptablem Aufwand migrierbar. Korrekt gerechnet bringt stattdessen eine Migration ausgerechnet auf MS Exchange/Outlook jedoch neue Abhängigkeiten und beträchtliche Mehrkosten. Ob man dieses verbreitete Mail-Produkt mag oder nicht, ist nicht der Punkt. Es handelt sich aber um ein Produkt, das Standards schlecht unterstützt(a) und wie kaum ein anderes ein teures Lock-in fördert.

4. Desktop:
Juris-Benutzer und die KAPO sollen pragmatisch ihre heutige Umgebung behalten, wie von der Regierung eigentlich im August 2010 beschlossen. Neubeurteilung, wenn der Juris-Nachfolger Jala ausgereift bereit steht.
Mit dem Wegfall von sachlichen Gründen (Geschäftskontrolle, Mail) soll bei allen andern Usern der zu komplizierte Windows-Terminal-Server-Zugriff wegfallen. Damit würde die Akzeptanz eines "bloss" andersartigen Linux-Desktops überhaupt erst möglich. Den Mitarbeitenden wird der Anreiz gegeben, sich damit auseinander zu setzen - eine Voraussetzung, um überhaupt effizient arbeiten zu können.(b)

5. Schulung:
Ein Tag anwendungsorientierte Schulung(c) genügt nicht. Der "Mindset Change" darf nicht unbeachtet bleiben. Einerseits darf Grundlegendes nicht ausser Acht gelassen werden. Andererseits müssen viel mehr moderne, kostengünstige Formen der Wissenserarbeitung bevorzugt werden. Das bedingt einmal mehr einen starken Einbezug der Anwender und deren Mitgestaltung beim Abdecken ihrer Bedürfnisse. Zum Grundlegenden gehört auch scheinbar Banales. Etwa, dass Dokumente nach aussen als PDF verschickt werden und so 100 % kompatibel sind. Oder dass Dokumente, die externe Kunden bearbeiten müssen, in einem für den Kunden sinnvollen Format abgespeichert werden sollen. Für interne Archivzwecke hingegen ist es unumgänglich, zu erklären, weshalb welches Format verwendet werden muss. So bewirkt ein Gebrauch von Office-Mitteln gerade mit OpenOffice.org eine weit bessere als 80 %-Lösung. Kompatibilität wäre nur äusserst selten überhaupt ein Thema.

(a) Experten bestätigen, dass selbst IMAP immer noch mangelhaft unterstützt wird. Bereits eine Web-Suche nach "outlook 2010 imap" bringt zahlreiche Benutzererfahrungen zu Tage.
(b) Womit beinahe der Regierungsratsbeschluss vom 10. August 2010, Nr. 2010/1418, S. 6, zitiert bzw. interpretiert wird.
(c) Bei Kritikern scheint der Spruch des Ex-AIO-Chefs Kurt Bader "Die 1-tägige Umschulung ist für den Einstieg genügend" beinahe legendär. Quelle: Folie Vortrag OpenExpo 13.03.2008, openexpo.ch, und OpenExpo 01.04.2009, www.youtube.com/watch?v=fEovsrVPRT8
Fussnoten
1 Medienmitteilung Staatskanzlei SO, 17.06.2010: "Chef des Amtes für Informatik verlässt die kantonale Verwaltung"
2 Trotz eigenem Bekenntnis zum Öffentlichkeitsprinzip (www.so.ch/staatskanzlei/datenschutz-oeffentlichkeitsprinzip/). Auf freundliche Anfrage eines WT-Mitglieds erhielt dieses zwar keinen Bericht, dafür eine harsche und beleidigende Antwort des Datenschutzbeauftragten. Siehe auch von Wilhelm Tux zusammengestellte Chronologie: www.wilhelmtux.ch/index.phtml?PID=70&MID=4&CID=29
3 Ein kurzer Auszug vom 14.09.2010 ist bspw. zu finden auf der EU-Plattform OSOR, www.osor.eu/news/ch-solothurn-hints-it-will-not-scrap-open-source-desktop
4 Regierungsratsbeschluss vom 10. August 2010, Nr. 2010/1418, S. 2
5 vgl. Kantonsratsprotokolle insbesondere der 13. und 14. Sitzung 2001
6 Dies sowohl von unseren Gesprächspartnern als auch bereits früher durch den damaligen Leiter AIO.
7 Zu finden im Auszug vom 14.09.2010, a.a.O.
8 Und es würde wohl heute auch kein unabhängiger Experte ernsthaft bestreiten, dass alle modernen Desktop-Betriebssysteme ihre Vor- und Nachteile haben, sich aber mit allen gut arbeiten lässt. Mac, Windows oder Linux gegenseitig schlecht zu reden ist ähnlich müssig wie der Vergleich zwischen VW, Opel und Renault ...
9 Regierungsratsbeschluss vom 10. August 2010, Nr. 2010/1418, S. 3/4
10 Gemäss Info Personalamt, 14.09.2010, im Auszug a.a.O.; und Regierungsratsbeschluss vom 10. August 2010, Nr. 2010/1418, S. 4
11 Von Wilhelm Tux zusammengefasste Chronologie
12 Medienmitteilung 20.01.2010 der Parlamentsdienste, www.so.ch/fileadmin/internet/parlament/pdf/medien/gpk/gpk_pm_100120.pdf
13 Solothurner Tagblatt, 15.09.2009: "Wieder Ärger mit dem Pinguin"
14 Nach unserer Recherche trifft das auch für die damals verwendete Version von OpenOffice.org zu.
15 Etwa im Solothurner Tagblatt, 13.09.2009: "Kritik an der Pinguin-Strategie"
16 Kantonsratsprotokolle der 13. und 14. Sitzung 2001
17 Vgl. Chronologie von Wilhelm Tux
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