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Interview mit Dr. Dietrich Feist und Markus Wernig
[08.12.2002] Die Vorstandvertreter von Wilhelm Tux, Dr. Dietrich Feist und Markus Wernig, im Interview über Ideen, Ziele und Absichten der Kampagne.

Dr. Dietrich Feist (Präsident) und Markus Wernig (Aktuar von Wilhelm Tux) stehen in diesem Interview Rede und Antwort.

Dr. Dietrich Feist stammt aus Deutschland und ist Physiker an der Universität Bern. Er beschäftigt sich dort mit Forschung über Ozonabbau und Physik der Atmosphäre. Er ist verheiratet, hat einen zweijährigen Sohn und lebt seit 1995 in Bern.

Markus Wernig arbeitet als Unix- und Netzwerk-/Sicherheits-Administrator für die Informatikdienste der Schweizerischen Post. Der Vater einer 9-jährigen Tochter widmet seine Freizeit (neben Computern) gern der Literatur und internationaler Küche.

mj: Man könnte den Eindruck bekommen, dass ein paar Enthusiasten bei Bundestux die Idee abgeschaut haben und jetzt in der Schweiz wieder aufwärmen. Seid Ihr Enthusiasten?

Feist: Der Bundestux in Deutschland hat uns sicher inspiriert, aber einfach kopiert haben wir ihn nicht. Stattdessen haben wir gleich mit dem angefangen, was der Bundestux nach seinem Anfangserfolg zu erreichen versucht: eine langfristig angelegte Kampagne für Freie bzw. Open-Source-Software in staatlichen Stellen auf die Beine zu stellen.

Was den Enthusiasmus angeht: wir sind sicher alle überzeugte Anhänger Freier Software. Das sind wir aber nicht aus irgendeinem verklärten Idealismus heraus, sondern aufgrund unserer persönlichen Erfahrungen.

Wernig: Ein Grossteil unserer Mitglieder kommt aus der Informatikbranche, und daher sind wir uns der Tragweite des Problems vielleicht eher bewusst - eben weil wir einen direkteren Einblick in die Welt der modernen Informationssysteme haben und auch die Seite hinter den Kulissen kennen.

mj: Glaubt Ihr wirklich, dass Eure Argumente an den richtigen Stellen Gehör finden werden? Immerhin will Euer Anliegen gegen Standardsoftware vorgehen und den Schweizer Parlamentariern und Beamten die gewohnten Arbeitsinstrumente wegnehmen.

Wernig: Natürlich ist es schwer, einmal etablierte, gewohnte Systeme zu ersetzen, gerade in so grossen und verzweigten Organisationen wie der staatlichen Verwaltung. Aber gerade im Bereich der Standardsoftware gibt es Open-Source-Produkte, die den zurzeit gängigen proprietären Programmen um nichts nachstehen oder sie sogar übertreffen; ich denke da nur einmal an StarOffice/OpenOffice. Besonders was Punkte wie Kompatibilität, Sicherheit und Flexibilität anbelangt, haben die Vertreter aus der Freien Software-Szene klar die Nase vorn.

Feist: Zunächst mal bedeuten unsere Forderungen ja nicht gleich einen radikalen Wechsel von heute auf morgen. Es wäre für die Parlamentarier und Beamten gar nicht direkt sichtbar, wenn beispielsweise ein Server mit Open-Source-Produkten statt kommerzieller Software betrieben wird. Langfristig wollen wir natürlich schon, dass bei staatlichen Stellen auch auf dem Desktop Freie Software eingesetzt wird. Da wird die Umstellung aber nicht schwieriger sein als die Gewöhnung an eine neue Softwareversion eines vertrauten Programms. Und solche Versionswechsel werden einem ja bisher schon in schöner Regelmässigkeit von den Softwareherstellern aufgezwungen. Bei Freier Software ist das nicht mehr der Fall.

Unsere zentrale Forderung sind offene Standards. Das heisst, dass elektronische Dokumente in Formaten gespeichert werden sollen, die nicht nur mit der Software eines bestimmten Herstellers gelesen und geschrieben werden können. Nur das gewährleistet eine nachhaltige Nutzung dieser Daten. Dazu müsste man niemandem irgendetwas wegnehmen, wenn die eingesetzten Programme diese Formate bereits verstehen.

mj: Wie wollt Ihr die Öffentlichkeit überzeugen? Die Ziele von Wilhelm Tux lassen sich ja nicht so einfach in einem Satz erklären.

Feist: Unser Hauptproblem wird sein, dass viele Leute die Diskussion für ein technisches Problem halten, während es in Wirklichkeit ein politisches ist. Die technischen Hintergründe sind sicher nicht so einfach zu erklären. Das politische Problem dagegen ist, wieviel Abhängigkeit von einem einzelnen Softwarehersteller sich ein demokratischer Staat erlauben kann, ohne die Interessen seiner Bürger zu vernachlässigen.

Wernig: Die E-Voting-Debatte wird es uns aber erleichtern, die politische Dimension zu erklären, weil sie ein Paradebeispiel für dieses Problem ist. Bei einer Abstimmung werden die Stimmen elektronisch erfasst und ausgewertet. Was macht der Computer dann mit den Daten? Wer garantiert Ihnen, dass da nicht irgendwo falsch gerechnet wird? Wie wollen Sie feststellen, ob das, was der Computer ausspuckt, wirklich das ist, was den Eingaben entspricht? Das ist ein für die Glaubwürdigkeit der Demokratie ganz zentraler Punkt, und mit Software, deren Funktionsweise Sie nicht kennen, werden Sie nie ruhigen Gewissens vor die Bürger hintreten können und behaupten, Sie hätten ihre Sorgfaltspflicht erfüllt.

mj: Wollt ihr Euch mit Wilhelm Tux denn direkt in die E-Voting-Debatte einmischen?

Feist: Im Rahmen unserer Möglichkeiten werden wir unseren Beitrag auch bei dieser Diskussion leisten. Wir werden aber dabei nicht allein sein: mit der SIG PR, der für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Organisation der Swiss Open Systems User Group, hat das Thema bereits einen starken Fürsprecher in Sachen Freier Software.

mj: Wenn Ihr politische Lobbyarbeit machen wollt, werdet Ihr Euch mit mächtigen Interessengruppen anlegen. Was habt ihr den grossen der Branche entgegenzusetzen?

Wernig: Die Erfahrungen und das Vertrauen einiger Millionen zufriedener Anwender, die Expertise einiger hunderttausend internationaler Programmierer. Das sollte reichen.

Feist: (lacht) Ich denke, wir haben die besseren Argumente auf unserer Seite und sind glaubwürdiger. Im Gegensatz zu den anderen Interessengruppen vertreten wir nämlich nicht primär unsere eigenen wirtschaftlichen Interessen. Ausserdem ist es ja nicht so, dass alle grossen Computerhersteller gegen uns wären. Im Gegenteil, von einigen der ganz grossen der Branche erwarten wir sogar aktive Unterstützung.

mj: Stichwort Sicherheit. Warum soll Open Source Software sicherer sein?

Wernig: Ich weiss, das wird oft missverstanden. Viele Leute können sich einfach nicht vorstellen, warum diejenige Software sicherer sein soll, in deren Quellcode jeder herumwühlen und suchen kann, bis er einen Fehler und damit einen Angriffspunkt findet. Der springende Punkt ist: In der Open-Source-Szene, und im Internet allgemein, findet tagtäglich wieder ein Qualitätssicherungsverfahren statt, und zwar das härteste, das ich kenne: mit Millionen von Auditoren, unter ihnen unzählige erfahrene Programmierer, die den Quellcode eines Programms auf Fehler durchsuchen und damit Angreifbarkeit verhindern. Da kommt kaum mehr ein Sicherheitsloch unentdeckt durch.

Ausserdem hat man als Anwender die Möglichkeit, den Code selbst zu untersuchen bzw. von Spezialisten untersuchen zu lassen. Im Gegensatz dazu neigt man bei Closed-Source-Produkten eher dazu, mal Fünf gerade sein zu lassen, da das "ja ohnehin nie jemand sehen wird". Besonders unter Termindruck wird die Sicherheit gern aussen vor gelassen. In einer Open-Source-Entwicklung ist das nicht möglich.

Feist: Bei herkömmlicher kommerzieller Software muss ich mich als Anwender auf die Angaben des Herstellers verlassen, der gleichzeitig häufig jede Haftung für Softwarefehler ablehnt. Ausserdem braucht der Anwender ja nicht nur Sicherheit gegen Angriffe von aussen. Er muss auch sicher sein, dass das Programm nur das tut, was er möchte und z.B. nicht nebenbei noch irgendwelche Daten irgendwohin überträgt. Das kann er aber ohne Einblick in den Sourcecode praktisch nicht.

mj: Microsoft behauptet, der Einsatz von Linux sei teurer als ihre Standardsoftware. Das entkräftet doch eines Eurer Hauptargumente?

Feist: Dass Microsoft solche Behauptungen aufstellt, mag verständlich sein, überzeugend ist es aber nicht. Andere Stellen wie etwa der Bundesrechnungshof, der regelmässig in Deutschland den Einsatz öffentlicher Mittel überprüft, kommen da zu ganz anderen Ergebnissen. Sie bescheinigen der Freien Software nicht nur, dass sie für den Einsatz im öffentlichen Sektor bestens gegeignet ist, sondern auch, dass damit mittel- und langfristig sehr viel Geld eingespart werden könnte.

Wernig: Natürlich kostet Informatik auch dann noch etwas, wenn man Freie Software verwendet. Und natürlich werden am Anfang der Umstellung Kosten für Schulung und Installation anfallen, die höher sind, als wenn man nur einen Versions-Upgrade eines bestehenden Systems macht. Doch diese Initialkosten machen ja nur einen kleineren Teil der Gesamtkosten aus: Sobald man die Folgekosten für Wartungen, Upgrades, Hardware usw. rechnet, ergibt sich wieder ein klarer Vorsprung für Freie Software.

mj: Zurück zur Aktion Wilhelm Tux. Kann man nach dem Open-Source-Prinzip nur Software entwickeln oder auch eine Kampagne organisieren?

Wernig: Bisher funktioniert das sehr gut: Jeder trägt etwas dazu bei, jeder nach seinen Fähigkeiten. Wichtige Entscheidungen und Themen werden in der elektronischen Mailingliste diskutiert - wie bei der Softwarentwicklung auch. Wichtig ist, dass dann am Schluss eine Instanz die gefundenen Postitionen nach aussen vertritt und in die öffentliche Diskussion einbringt. Zu diesem Zweck haben wir den Verein gegründet, der diese Funktionen übernimmt.

Feist: Wir bemühen uns grundsätzlich um Offenheit. Dazu gehört z.B. auch, dass bei uns jeder mitmachen kann. Das hat natürlich auch gewisse Grenzen, wenn es etwa um den Schutz persönlicher Daten geht. Das ist für uns alle ein sehr wichtiges Anliegen.

mj: Angenommen Ihr könntet heute alle Eure Ziele durchsetzen, wie sähe die Schweiz dann morgen aus?

Feist: Sie wäre dann ein Staat mit einer gut funktionierenden Informatik-Infrastruktur. Elektronische Dokumente wären auf Jahre oder Jahrzehnte hinaus archiviert und je nach Bedarf entweder sehr gut gegen Missbrauch geschützt oder für den Bürger problemlos abrufbar. Durch die Verwendung offener Standards könnten Bund, Kantone und Gemeinden effizient zusammenarbeiten, selbst wenn sie Software verschiedener Hersteller verwenden. Die Betreuung der Informatik-Struktur könnte von lokalen kleinen und mittleren Unternehmen durchgeführt werden. Und nicht zuletzt hätte die Schweiz auf allen Ebenen eine grosse Menge Geld eingespart.

Leider ist das bisher nur eine Vision. Im Moment arbeitet der Staat im Informatikbereich eher so, als würde er von Steuergeldern Autobahnen bauen, auf denen dann aber nur Autos eines bestimmten Herstellers fahren dürfen.

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